Premierenbericht

Gänsehautfeeling am Thunersee

Datum: 16. Juli 2013 | Autor: Matthias Buchegger

Gestern Abend feierte DER BESUCH DER ALTEN DAME seine Uraufführung in Thun. Das Werk aus der Feder von Dürrenmatt wurde als trockene, sehr ernste Musical-Version zur Darstellung gebracht.

Es ist schon ein tolles Gefühl das Festival-Gelände von Thun zu betreten, denn das Areal wurde toll gestaltet. Verschiedene Zelte bieten kulinarische Köstlichkeiten die das Warten auf den Einlass verkürzen. Von hier aus kann man auch die Bühnenkonstruktion bestaunen, besteht diese doch aus einem Geflecht von Gestänge. Genauer gesagt bestelt die Bühnen- und Tribünenkonstruktion aus 31.000 Einzelteilen mit insgesamt 710 Tonnen. Innerhalb von vier Wochen wurde Sowohl die komplette Bühne wie auch der Aufbau des Bühnenbildes fertiggestellt. Nach Spielende wird alles komplett abgebaut um nächstes Jahr erneut aufgebaut zu werden. Das bietet natürlich eine gewisse Flexibilität, die es ermöglicht jedes Jahr auf die Anforderungen des Stückes die Konstruktion zu verändern. Die gesamte Konstruktion steht übrigens direkt im Thunersee.

 

Eine Open-Air Veranstaltung birgt immer ein gewisses Risiko. Ob die Show am jeweiligen Tag stattfindet kann man am jeweiligen Tag ab 13 Uhr über www.thunserseespiele.ch, per Hotline aber auch per SMS abfragen. Die gestrige Premiere konnte zum Glück ohne Unterbrechung gespielt werden. Die wenigen Tropfen und der stärkere Wind störten weder Publikum noch das Ensemble bzw. die Technik.

Für dieses Jahr sicherten sich die Thunerseespiele die Rechte für eine Musicalversion als Eigenproduktion des weltweit bekannten Werkes von Dürrenmatt. DER BESUCH DER ALTEN DAME. In einigen Punkten leicht verändert hat die eigentlich eher komödienartige Version von Dürrenmatt sehr an Witz verloren. Dafür wurde der Handlung mehr Ernst gegeben. Eigentlich ähnelt die Musical-Version von DER BESUCH DER ALTEN DAME dem Musical Rebecca. Nicht nur weil Pia Douwes zuvor als Mrs. Danvers in Stuttgart überzeugte und die Rolle doch ähnliche Züge hat, sondern auch musikalisch gesehen zieht sich immer die selbe Melodie wie ein Roter Faden durch das zweistündige Stück.

An der Handlung wurde zum Teil ordentlich gefeilt. So hat Claire Zachanassian zB keine Ehemänner mehr. Sie verschenkt auch gleich zwei Milliarden, anstatt einer und zeigt mehr Gefühle als in Dürrenmatts Original. Auf Grund der fehlenden Selbstironie von Kläri wirkt diese viel gebrochener. Ob dies dem Stück gut tut oder nicht ist wohl Ansichtssache. Die Handlung ist im Großen und Ganzen natürlich gleich.

Claire Zachanassian, geborene Wäscher, kommt in ihr Heimatstädtchen als Multimilliardärin zurück und wird von ihren alten Bekannten um Geld gebeten. Was diese allerdings nicht wissen, ist, dass die große Not der Bürger zu den Plänen Zachanassians selbst gehört, denn diese will sich aufgrund einer verjährten falschen Verurteilung bei dem Verantwortlichen rächen. Claire spielt die Retterin und verspricht der Güllner Gemeinde eine hohe Summe Geld, stellt dafür aber eine Bedingung. Alfred Ill, einst ihr Geliebter und verantwortlich für ihr Schlimmes Schicksal, muss tot sein. In erster Instanz lehnt die Bevölkerung natürlich ab, doch die Aussicht auf Reichtum lässt die Güllner nicht ruhig schlafen. Schlussendlich wird über Ills Schicksal abgestimmt und selbst seine Kinder und seine Frau stimmen für seinen Tod.

Das Ensemble gibt gekonnt die Geschichte über Spekulation auf menschliche Gier wieder. Allen voran Pia Douwes, die stimmgewaltig wie gewohnt das Publikum fesselt und für Gänsehautfeeling sorgt. Auch Masha Karell und Ethan Freeman lassen aufhorchen. Uwe Kröger überzeugt mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten. Claire und Alfred werden im Musical auch oft parallel als junges Paar dargestellt. Hier begeisterten Shari Lynn Stewen und Bernhard Viktorin. Die Choreographien von Simon Eichenberger wirken sehr stimmig. Andreas Gergen führt als Regisseur gekonnt durch die Szenerien.

Die Komponisten Moritz Schneider & Michael Reed sowie Sound Designer Thomas Strebel spielen sich gekonnt mit Klangeffekten, wie man sie aus dem Kino kennt. Die Hauptmelodie wird durch das ganze Stück gezogen. Die Ensemblenummern wirken sehr mächtig. Teilweise hat man das Gefühl es wurde verzweifelt danach gesucht an welcher Stelle man noch einen Song platzieren könnte. Aufgrund der fehlenden Heirat in der Musicalversion wird der Besuch der Reporter zu einer Gospel-Nummer wie aus Sister Act. Dies scheint etwas skurril.

Das Bühnenbild in der Thuner Version stellt ein baufälliges Monopoly-Spielbrett dar, dass die wichtigsten Gebäude von Güllen beinhaltet. Darauf sind durch diverse Gestänge die Häuser der Bürger dargestellt. Doch nur als Umrisse. Diese werden mit der Zeit des Stückes vom verfallenen Zustand wiederhergestellt, was die Anschaffung an Reichtum darstellen soll. Klarerweise ist es auf mobilen Bühnen nicht so einfach effektvoll zu arbeiten, jedoch ist das Bühnenbild kaum wandelbar. Hier hätte man jedoch sicherlich raffinierter arbeiten können.

Die eigentlich verharmlosten Bürger von Güllen tragen von Beginn an stattliche Kleidung. Versucht wird allein durch Farben darzustellen, wie die Bürger beginnen sich diverse Anschaffungen leisten. Somit von schwarz/grau bis hin zu bunt. Im Original von Dürrenmatt fängt der Wandel einerseits viel später an und startet eigentlich mit der Entdeckung Ills, dass plötzlich alle Bürger neue Schuhe kaufen. Noch bevor Ill seinen Mitbürgern berichten kann, dass Zachanassian eine Summe an das Städtchen zahlen will tragen die ersten Bewohner bereits bunte Kleidchen.

Aus technischer Sicht lässt die Produktion keine Wünsche offen. Der Sound ist sehr gut, es wird mit vielen Surround-Effekten gearbeitet. Natürlich ist in der ersten Stunde kaum etwas vom Licht zu sehen. Dazu ist es dann doch zu hell. Ab dann taucht das Lichtdesign die Szenen gekonnt in die richtigen Stimmungen. Nur in der Übergangszeit, also in der Dämmerung, hätte mehr Beleuchtung gut getan. Teilweise waren sprechende Personen im Schatten. Um dem Publikum das Folgen der Personen von Beginn an zu erleichtern arbeiteten die Thunerseespiele, wie aus großen Häusern gewohnt, mit Sound-Routing. Dazu wird allerdings ein eigens entwickeltes System verwendet, dass automatisch die Position der Darsteller auf der Bühne erkennt und dem entsprechend auf den Boxen routet. Dadurch kommen auch aus den Lautsprechern immer die Stimmen aus der eigentlichen Richtung. Um dies zu ermöglichen hat jeder Darsteller gesamt drei Sender bzw Empfänger. Abgesehen vom Headset bekommt jeder Darsteller ein In-Ear-Monitoring um die umliegenden Bewohner am See nicht unnötig zu beschallen, außerdem tragen alle Darsteller GPS-Sender für die Positions-Bestimmung.

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