Bericht

Ist Kritik heutzutage noch erwünscht?

Datum: 22. Januar 2016 | Autor: Philippe Beck

Bezugnehmend auf die bewerteten Produktionen der letzten Monate fragen wir uns in der Redaktion - wie viel Kritik verträgt der deutschsprachige Raum? Vom "Schlechtreden" kann ja bei Gott nicht die Sprache sein, doch ist ein Kritiker denn nur dafür da für ein Stück Werbung zu machen? Wie viel Verantwortung hat man als Kritiker dem Leser und auch dem Veranstalter gegenüber?

Die Arbeit eines Kritikers scheint ja für das allgemeine Volk sehr spannend und toll zu sein, doch tatsächlich scheint es immer mehr zu einer Gratwanderung zwischen den Erwartungen der Veranstalter und Leser zu werden. Während der Leser sich im Großteil eine Einschätzung der Produktion in seinem Ermessen erhofft, wünscht sich der Veranstalter natürlich nur die besten Worte für die bezahlte, künstlerische Gesamtleistung.

Und genau hier scheint sich die Schere immer weiter zwischen sehr hochwertigen Produktionen und reiner Profitgier zu öffnen. Während, vor allem subventionierte Unternehmen in behördlicher Hand, große Produktionen zu unglaublich günstigen Preisen anbieten können, scheint bei den privaten Veranstaltern immer häufiger "Quantität vor Qualität" zu stehen. Aber woher kommt denn dieser Trend?

Natürlich kann man dies auch auf die Wirtschaftskrise abwälzen, doch ist es tatsächlich möglich, dass man bei teuren Musicaltickets heiße Diskussionen startet, während man für Rock-Konzerte namhafter Künstler teilweise weit höhere Beträge ohne Mucks hinblättert? (Beispiele: David Garrett bis zu € 150,- , Mariah Carey bis zu € 240,- oder Justin Bieber VIP-Karten sogar bis zu € 1.840,-) . Wobei der personelle Aufwand bei einem Musical bzw. einer Show meist weit höher ist, und auch der technische Aufwand oft kaum von dem eines großen Rock- oder Pop-Konzertes abweicht.

Um einen entsprechenden Qualitätsstandard bieten zu können müssen natürlich die dafür entstehenden Kosten auch gedeckt werden. Ob dies jedoch mit "Kunst und Kultur" immer vereinbar ist sei dahin gestellt. Der Zeitgeist der Menschheit erwartet von Produkten immer höhere Qualität und mehr Inhalt, zu jedoch immer günstigeren Preisen. Während dies bei alltäglichen Produkten aufgrund immer weiter kostensparenden Herstellungsmöglichkeiten großteils zur Realität wird, ist Musical und Show ein Produkt, das nicht vom Fließband kommt, welches im Grunde immer wieder neu erfunden werden muss, was das Genre gleichzeitig so unglaublich vielseitig und spannend, aber auch teuer macht.

Hier einen Vergleich zwischen subventionierten und privat finanzierten Produktionen zu machen ist, um wieder zum Kritiker zu kommen, wohl eine der schwersten Aufgaben beim Rezensieren. Doch bei genauer Betrachtung ist die Frage des Geldes tatsächlich nur dann relevant, wenn eine Produktion deutlich überteuert verkauft wird. Also ist die eigentliche Frage: Was bekommt man denn für sein Geld geboten? Wobei die künstlerische Arbeit hier nicht unterschätzt werden sollte, und gleichzeitig die teuerste Produktion nicht unbedingt die "Beste" ist.

Angefangen vom richtigen Leading Team über die perfekten Hauptdarsteller, dem bestmöglichen Ensemble und auch einer qualitativ hochwertigen, musikalischen Untermalung, gibt es sehr viele Bereiche, die der "0815-Zuseher" möglicherweise gar nicht wahrnimmt, aber für die Qualität und damit für eine Rezension durchaus wichtig sind. Die Arbeit als Kritiker wird in den Bereichen Musical und Show insofern erschwert, da die Bereiche so extrem vielseitig sind. Produktionen miteinander zu vergleichen ist beinahe unmöglich. Doch eines haben alle Produktionen gemeinsam: Sie sollen den Zuseher für die Dauer der Vorstellung in eine andere Welt, weit weg vom jeweiligen Alltag, führen und damit begeistern.

Wir bei Musicalplanet.net haben uns deshalb auf Punkte geeinigt die wir in unseren Rezensionen immer berücksichtigen. Ein sehr zentraler Punkt ist das Verhältnis zwischen dem Marketingauftreten und der Livedarbietung. Womit wird geworben? Werden die Hoffnungen und Erwartungen vom Publikum erfüllt? Genau darauf bauen alle weiteren Kritikpunkte auf, denn große Produktionen der Vereinigten Bühnen Wien, Stage-, Mehr! Entertainment oder BB Productions kann man nicht mit Produktionen von kleinen Vereinen vergleichen.

Doch was geschieht, wenn die Erwartungen definitiv nicht erfüllt werden? Wie weit darf man als Kritiker gehen? Welche Verantwortung hat man gegenüber dem Leser, aber auch dem Veranstalter gegenüber? Welche Verantwortung hat der Veranstalter gegenüber seinem Publikum, und womit muss sich das Publikum zufrieden geben? Dies sind wohl alles Fragen, die nur sehr subjektiv beantwortet werden können, denn Tatsache ist, "die Geschmäcker sind verschieden" .

Dennoch gibt es nur wenige Momente in denen man als Kritiker am Ende einer Produktion komplett von den Reaktionen der Besucher verwirrt ist, da sie komplett konträr zur eigenen Meinung stehen. Doch wenn man dann an der Tastatur sitzt und sich den vergangenen Abend nochmals vor Augen führt, fragt man sich immer wieder wie viel Kritik man sich erlauben darf / soll. Eines ist klar - Kritik soll dem Veranstalter bzw. dem jeweiligen Darsteller oder Bereichsleiter schlussendlich helfen seine Darbietung im Sinne des Publikums zu verbessern, wenn dieser dazu überhaupt gewillt ist. Dafür ist es notwendig, dass man Kritik nicht als persönlichen Angriff sieht und diese möglichst konstruktiv ist, wozu wir uns bei Musicalplanet.net ganz besonders bemühen und auch Veranstaltern bei Bedarf zusätzliche, detaillierte Informationen zukommen lassen, sollte dies gewünscht sein.

Und doch kommt es immer häufiger vor, dass Veranstalter Konsequenzen auf Grund einer negativen Kritik setzen, oder gar zuvor mit dem Medium Kontakt aufnehmen und um eine "nicht ganz so kritische Rezension" bitten. Doch wann ist eine Rezension "kritisch"? Und kann man denn eine Rezension weniger "kritisch" schreiben, ist diese doch im Großen und Ganzen nur eine schriftliche Wiedergabe der Leistung auf und neben der Bühne um etwaigen weiterem Publikum einen kurzen Eindruck der Produktion zu gewähren und eventuell Entscheidungshilfe für den Kauf oder "Nicht-Kauf" von Tickets zu geben.

Welchen Stellenwert hat eine Kritik in einem Medium, gegenüber von Besucherbewertungen auf Ticketwebsites, oder anderen Datenbanken? Kann der Geschmack von Individuen so unterschiedlich sein, dass die Meinungen komplett konträr sind, und wessen Meinung ist dann die "Richtige"? Meine persönliche Erfahrung beantwortet die Frage klar mit JA. Doch auch in solchen Situationen kann man dies als Kritiker durchaus zur Sprache bringen. Ein solches Beispiel liefert der Premierenbericht zur neuen Fassung von Mozart! in Wien, in der wir folgendes veröffentlicht haben: "Ganz offensichtlich trifft die Produktion nicht aller Geschmack. [...] Wir würden empfehlen die Produktion selbst zu sichten und zu urteilen. Einen Besuch ist die Inszenierung durchaus wert. Ob es für einen zweiten Besuch reicht, muss jeder für sich entscheiden."

Für uns ist folgendes klar: Der Veranstalter hat die Aufgabe die Erwartungen des Publikums zu erfüllen, die er durchaus selbst im Rahmen seines Marketingauftritts erweckt. Ist dies der Fall, und der Kartenpreis nicht überdimensional berechnet, wird eine Kritik unsererseits nicht vernichtend ausfallen, und dennoch ist es unsere Pflicht dem Leser das tatsächliche Bühnenerlebnis inkl. Mängel zu übermitteln. Und dies werden wir auch weiterhin so handhaben, auch wenn der eine oder andere Veranstalter damit nicht umgehen kann, und uns den redaktionellen Zugang zu Produktionen erschwert.

Wir sind übrigens drauf und dran unser Bewertungssystem für Produktionen online zu stellen, damit man bei uns nicht nur die Bewertung der Redaktion, sondern auch die der Besucher einsehen kann. Sobald dies möglich ist informieren wir natürlich über alle Nachrichtenkanäle.

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