Premierenbericht

Ohrenschmaus mit überzogener Theatralik - Jekyll & Hyde im Stadttheater Baden

Datum: 04. August 2016 | Autor: Philippe Beck

Heute Abend zeigt die Bühne Baden zum 3. mal die Geschichte von Henry Jekyll, der auf der Suche nach einem Mittel gegen das Böse, sich selbst in eine Bestie verwandelt. Nach der Premiere am 29. Juli ist eines klar - eine der besten Musicalproduktionen des Stadttheaters Baden, allerdings nicht in allen Bereichen.

Vergangenen Freitag, am 29. Juli 2016, feierte die Bühne Baden ihre Premiere von JEKYLL & HYDE. Das Musical aus der Feder von Frank Wildhorn und Leslie Bricusse, nach einem Roman von Robert Louis Stevenson, erzählt die Geschichte von Henry Jekyll, einem Arzt, der es sich zum Lebensziel gesetzt hatte, „das Böse“ in den Menschen zu eliminieren. Auf der Suche nach einem Testobjekt, scheitert er an den ethischen Bedenken des zuständigen Krankenhausvorstands. Doch als er entschließt an sich selbst zu testen, entwickelt sich sein Experiment in ein wahres Horrorszenario und Jekylls Persönlichkeit wird komplett gespalten. Als Edward Hyde macht er die Gassen Londons im 20. Jahrhundert unsicher und entledigt sich seiner Gegner. Nachdem er glaubt den Spuk beendet zu haben, tritt er mit seiner Verlobten vor den Altar, wo Edward Hyde zum letzten Mal Besitz von Jekylls Körper ergreift. Ein Schuss beendet das Experiment für immer.

Die Badner Produktion ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Vor allem musikalisch überzeugt das Orchester und der Cast mit überragender Leistung, unter Oliver Ostermann. Eine sehr erfreuliche Neuerung ist die Art der Tonabmischung, von Florian Carau, denn bislang war bei Musicalproduktionen nicht viel vom typisch mächtigen Musicalsound der moderneren Stücke zu hören. Auch wenn zu Beginn des ersten Aktes, am Premierenabend, die Tonanlage im Stadttheater Baden etwas überfordert klang und Ensemblestellen oftmals unausgewogen waren, ist dies ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, bei Stücken jenseits des klassischen Stils. Besonderes Augenmerk darf auch auf die funktionale Ausstattung von Dietmar und Hanna Solt gelegt werden, die die Bühne und Darsteller mit der Hilfe von Stefan Kreienbühl (Beleuchtung) kreativ ins London des 20. Jahrhunderts verwandelt.

Zu Diskussionen trägt die Inszenierung von Thomas Enzinger bei, die das Klischee - im Musical hätte Schauspiel keinen ernsthaften Stellenwert - leider sehr untermauert. Konkret geht es um die permanente Emotionsübertreibung und den Drang „sämtliches“ Gesprochene auch zeigen zu müssen. Besonders auffallend ist dies bei den Hauptrollen Jekyll / Hyde und Lisa Carew. Freilich eine Kritik die sehr subjektiv in der Wahrnehmung ist, doch das sonst sehr hohe, fachliche Niveau der Produktion leider etwas relativiert. Manche ernsthaft gewünschten Szenen bekommen dadurch einen ungewollt belustigenden Beigeschmack.

Als Dr. Henry Jekyll bzw. Edward Hyde brilliert Darius Merstein-MacLeod, der seinen Rollen nicht nur extrem differenziert von einander trennt, sondern auch stimmlich zur absoluten Begeisterung des Publikums beisteuert. Manko ist allerdings die oftmals undeutliche Aussprache von Darius. Als sensationelle Neuentdeckung stellte Sebastian Reithalle, Intendant der Bühne Baden, Dorina Garuci, Darstellerin der Lucy Harris, im Zuge der Premierenfeier vor, was wir nur bestätigen können. Dorina präsentiert sich routiniert und stimmstark. Als Verlobte Lisa Carew überzeugt Iréna Flury sowohl stimmlich als auch schauspielerisch. Reinwald Kranner ist in der Rolle von Jekylls Assistenten Gabriel John Utterson zu sehen, wirkt allerdings trotz guter Stimme als wäre er nicht im 20. Jahrhundert angekommen. Das „schlaksige“ Auftreten und die modern, eher rockig, geführte Stimme, wirkt in Wildhorns Meisterwerk nicht ideal platziert. Der restliche Cast begeistert mit Präzision in den Choreographien und der dynamischen Stimmführung, die dem Publikum im Stadttheater Baden so manche Gänsehaut beschert.

Bei aller Kritik muss betont werden, dass die Produktion aus vielerlei Hinsicht sehr zu empfehlen ist und in der Umsetzung einen richtigen, wichtigen Schritt, in punkto Musical in Baden darstellt. Gerade Häusern wie dem Stadttheater Baden, fehlt für gewöhnlich vor allem die Möglichkeit der technischen Umsetzung, von modernen Musicalproduktionen. Diese Hürde scheint hier überwunden zu sein. Wir gratulieren.

Die Produktion ist noch bis 2. September 2016 zu sehen.

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