Kritik

Notizbücher, Flyer, und ein Heiratsantrag

Datum: 19. April 2017 | Autor: Tilmann Rose

„Ordinary Days“ ist ein Vier-Personen-Stück mit Musik und Texten von Adam Gwon, das 2009 am New Yorker Off-Broadway aufgeführt wurde. Der Verein Aspiring Artists on Stage brachte Anfang April die deutschsprachige Erstaufführung in die Wiener Theatercouch.

Erzählt wird der Alltag vierer New Yorker, die sich zwischenzeitlich immer wieder zufällig über die Wege laufen: Die dauergestresste Literaturstudentin Deb (Lisa Perner) verliert ihre Notizen und findet diese beim Nachwuchskünstler Warren (Philipp Dürnberger), der als Kunstprojekt bunte Flyer mit motivierenden Sprüchen in der Innenstadt verteilt, die schlussendlich auch das frisch zusammengezogene Pärchen Jason (Matthias Buchegger) und Claire (Melanie Grassinger) erreichen. Auf der Reise durch ihren Alltag sehen sich Deb und Warren mit den Plänen ihrer Zukunft und ihren Leitbildern konfrontiert und bemerken, dass sich Träume und Pläne mit der Zeit verändern können; währenddessen müssen sich Jason und Claire mit ihrer neuen gemeinsamen Wohnungssituation zurechtfinden, verloben sich spontan und kämpfen mit ihren widersprüchlichen Gefühlen bezüglich ihrer Zukunft. Am Ende des knapp eineinhalbstündigen Stückes finden sowohl Jason und Claire, als auch Deb und Warren zueinander.

Die Theatercouch bietet für ein Stück wie dieses, das viel Emotion aus der Intimität der Darsteller schöpft, den perfekten Rahmen. Masaaki Saito am Klavier bringt wie gewohnt voller Emotion auch die detailliertesten Facetten der Musik zum Vorschein; diese droht jedoch über den Abend verteilt manchmal ins Repetitive abzurutschen. Das Regiekonzept von Caroline Frank bricht den gewohnten Raum Bühne auf und macht den gesamten Raum zur Spielebene, wobei die Stühle an die Wände gerückt werden und somit eine unkonventionell offene Bühnenfläche entsteht. Passend zu diesem Konzept wird sehr interaktiv mit dem Publikum gespielt, was die Intimität des Stückes weiterhin fördert; ein negativer Aspekt, der sich aus der offenen Bühne ergibt, ist jedoch das Fehlen eines Lichtdesigns, da nur die reguläre Deckenbeleuchtung genutzt werden konnte, um den gesamten Raum zu beleuchten. Das lässt den Spielort auf die Dauer etwas steril wirken.

Caroline Franks Regie konzentriert sich bewusst auf die detaillierte Charakterarbeit, die sich vor allem in der guten zwischenmenschlichen Dynamik zeigt, die das Stück braucht. Lisa Perner als Deb hat eine charakterliche Ausstrahlung und Energie, die den gesamten Abend konstant hoch bleibt. Von der ersten bis zur letzten Sekunde hält sie den Zuschauer mit ihrem facettenreichen und ausdrucksstarken Spiel bei sich, ohne dabei an Authentizität zu verlieren; dabei stört es absolut nicht, dass ihr die Rolle an manchen Stellen scheinbar zu hoch ist. Ihr Spielpartner Philipp Dürnberger hat eine liebenswürdige Künstlerausstrahlung und singt solide, und auch er versteht es, über den Abend alle schauspielerischen Register zu ziehen, ohne unauthentisch zu wirken. Vor allem die Szenen zwischen ihm und Lisa Perner transportieren.

Melanie Grassinger als Claire singt mit kraftvoller Stimme, muss jedoch teilweise mit Intonationsproblemen und Verständlichkeit kämpfen. Ihre Darstellung der Claire ist sympathisch und warm, jedoch nicht ganz so facettenreich wie die ihrer Kollegen. Matthias Buchegger passt perfekt in die Rolle ihres Verlobten Jason, überzeugt stimmlich und kann auch schauspielerisch einiges bieten. Die liebevolle Chemie zwischen den beiden wirkt wunderbar leicht, kann jedoch nicht ganz mit der ihrer Spielkollegen mithalten.

„Ordinary Days“ schafft es, einen besonders intimen und dem Zuschauer nahen Abend ohne großen technischen Aufwand abzuliefern; dieser wird von großzügigem Applaus und viel Resonanz des Publikums belohnt, das sichtlich gut gelaunt den Saal verlässt.

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Ordinary Days in Wien, Plakat
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