Kritik

Der Glöckner ist zurück!

Datum: 29. April 2017 | Autor: Philippe Beck

Seit 9. April 2017 wird Disneys DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME erneut in Deutschland gezeigt. Nach der Uraufführung des Disneyklassikers als Musical im Jahre 1999 (ebenso in Berlin, zur Eröffnung des Theaters am Potsdamer Platz) wird das Stück nun in einer überarbeiteten Bühnenfassung im Theater des Westens gezeigt und geht im Anschluss auf Tour.

Bereits 1999 prämierte das Disney Musical DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME in Berlin. Damals noch unter der kurz darauf insolventen Stella AG, die im Anschluss zum Großteil von der Stage Holding aufgekauft wurde. Das damals zur Premiere des Musicals DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME eröffnete Theater am Potsdamer Platz wird bereits seit September nicht mehr bespielt, daher zog die überarbeitete Musicalfassung des Disneyklassikers nun ins Stage Theater des Westens ein.

Bereits bei den ersten Tönen des Orchesters wird die Qualität des weit bekannten Scores von Alan Menken, der den meisten Zuhörern wohl eine Gänsehaut beschert, hör- und spürbar. Die Eröffnung des Musicals erfolgt über den noch deutlich längeren Prolog als in der ursprünglichen Version und erzählt die Geschichte von Claude Frollo (Felix Martin), der als Weisenkind mit seinem Bruder Jehan (Tim Reichwein) in Notre Dame aufgezogen wird. Da Jehan allerdings nichts als Ärger bereitet wird er schließlich aus dem Gotteshaus geworfen. Am Sterbebett hinterlässt Frollos Bruder ihm dessen Sohn, den er mit einer Zigeunerin zeugte. Als Frollo das mit einer Behinderung geborene Kind vorerst töten will, scheinen plötzlich die Figuren der Notre Dame ihn zu beobachten und Frollo hat das Gefühl, dass Gott ihm dieses "Monster" als Aufgabe stellt, weshalb er beschließt das Kind als eigenen Sohn großzuziehen. Allerdings versteckt von der Menschheit - verborgen im Glockenturm von Notre Dame.

Damit hält sich die überarbeitete Version, wie auch in vielen weiteren Teilen des Stückes, sehr an die ursprüngliche Buchform, in der Esmeralda (Sarah Bowden), nicht wie in der Disneyverfilmung, schlussendlich stirbt. Die bekannte Erzählform wird allerdings beibehalten und so präsentiert sich das Werk komplett als Stück im Stück. Besonders bemerkenswert ist dabei die Wandlung des Darstellers (Jonas Hein) in die des Hauptcharakters Quasimodo, der vor den Augen der Zuseher erst vom aufrecht stehenden Mann in die Rolle des missgebildeten Glöckners von Notre Dame schlüpft.

Etwas reduziert wirkt bei der Neuauflage des GLÖCKNER VON NOTRE DAME das Bühnenbild, welches das komplette Stück lang den Rahmen der Spielstätte mit dem Innenleben der Pariser Notre Dame vorgibt. In der Kirche werden sämtliche Spielstätten dargestellt. Mit dem Wissen, dass die Inszenierung allerdings als Tourproduktion konzipiert ist, scheint die Ausstattung absolut ausreichend. Außerdem überzeugt man das Publikum mit farbenprächtigen Kostümen und den großen Glocken, die im Schnürboden des Theaters des Westens Platz gefunden haben.

Die Protagonisten präsentieren das Musical hoch qualitativ. Besonders herausragend ist in jedem Fall die Leistung von Jonas Hein (2. Besetzung) in der Rolle des Quasimodo, der mit einem unglaublichen Feingefühl die tolle Mischung aus einem verletzten, gebrochenen, wütenden und sehr liebevollen, beeinträchtigten Menschen generiert, den das Publikum selten fürchten aber in jedem Fall lieben muss. Mit der Rolle des Erzdiakon Claude Frollo wurde Felix Martin gefunden, der mit seiner voluminösen Stimme der Rolle absolut gerecht wird. Die Darstellung wirkt zeitweise hölzern und mechanisch, was allerdings wohl ein Wunsch der Regie (Scott Schwartz) war und der Figur nicht zwingend schadet. Als Zigeunerin Esmeralda konnte Sarah Bowden verpflichtet werden, die der Rolle vor allem tänzerisch und spielerisch absolut gerecht wird. Die Aussprache von Sarah ist verbesserungswürdig, wobei die Figur Esmeralda sicherlich eine der wenigen Figuren in diesem Stück ist, der ein leichter Akzent zur Authentizität verhilft. Zu bekritteln sind jedoch die Intonationsschwierigkeiten, die vor allem beim Song "Einmal" (Duett mit Phoebus) im zweiten Teil des Musicals deutlich werden. Hauptmann Phoebus de Martin wird von Maximilian Mann dargestellt, der mit seinen langen schwarzen Haaren für Disneykenner wohl für kurze Verwirrung sorgen wird. Dies mindert jedoch nicht die gekonnte Darstellung des gerechtigkeitsliebenden Hauptmanns. Mit seiner klaren Stimme überzeugt außerdem Jens Lanke als Clopin Trouillefou das Publikum im Theater des Westens.

Die wenigen Punkte, die beim Publikum für Verwirrung bzw. Enttäuschung sorgen könnten sind leicht erklärbar und für die Produktion zum Teil sinnvoll eingesetzt und nachvollziehbar. Ein Kritikpunkt, der allerdings absolut unnötig ist, ist die Art der Einbindung des Berliner Chors ORSO, der die komplette Vorstellung lang auf den Kirchenbänken Platz nimmt und zu bestimmten Momenten mehr oder weniger in Erscheinung tritt. Die Kritik daran betrifft definitiv nicht die musikalische Leistung, die hervorragend war, jedoch muss ein Chor in einer solchen Produktion professionell eingebunden werden. Interaktionen im Hintergrund, absolut asynchrones Aufstehen vor Einsätzen und eine private Körperhaltung kratzen am sonst sehr professionellen Gesamtbild der Produktion.

Die technische Umsetzung des Musicals lässt hingegen keinerlei Wünsche offen. Sowohl Ton- als auch Lichtdesign sind sehr gut abgestimmt und lassen dem Zuseher keine Chance sich der Reise ins mittelalterliche Paris zu entziehen.

Die Produktion ist sehr sehenswert und wird noch bis Anfang November 2017 in Berlin und bereits ab Mitte November 2017 in München gezeigt. Die Vorstellung am 21. April 2017 war bedauerlicherweise nicht gefüllt. An der Qualität der Produktion kann dies allerdings nicht liegen. Tickets sind bereits ab € 39,90 erhältlich.

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Disneys DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME
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